Monographie

Monographie

Angelika Haas, Bernd Kuhnert (Hrsg.):

Heidrun Hegewald
Zeichnungen • Malerei • Graphik • Texte


ARTE-MISIA-PRESS 2004, 215 Seiten
zahlreiche, meist farbige Abbildungen mit Beiträgen von Axel Bertram, Rolf Biebl,
Günter Blutke, Peter H. Feist, Angelika Haas, Heidrun Hegewald, Wolfgang Heise, Susanne Kandt-Horn und Peter Michel

ISBN 3-00-014018-2
Euro 48,00


DR. ANGELIKA HAAS

Zur Herausgabe der Monographie zum Werk Heidrun Hegewalds

Werke von Heidrun Hegewald befinden sich in 23 öffentlichen Sammlungen und Museen im Ost- und Westteil Deutschlands sowie in 33 privaten Sammlungen im In- und Ausland. Wenn als Spezifik der Kunst der DDR zu konstatieren ist, daß sie – auch subjektiv von vielen Kunstschaffenden so gewollt – eingreifende Kunst war, so trifft dies exemplarisch auf das Schaffen von Heidrun Hegewald zu.

Der in ihren Werken dargestellte Inhalt reflektiert in besonderem Maße und auf eine außergewöhnlich einprägsame Weise menschliche Zerrissenheit im Zeitgeschehen des 20. Jahrhunderts mit seinen widersprüchlichen geistigen Prozessen und ethischen Chancen. Dem ist die Tatsache geschuldet, daß vor ihren Bildern in Ausstellungen die heftigsten Diskussionen angeregt wurden – und bis heute werden! – und daß die offizielle Kulturpolitik sich im Umgang mit ihrem Werk und in dessen Präsentation oft irritiert und provoziert zeigte. Dieser Sachverhalt ist unter dem DDR-sozialisierten Teil der deutschen Bevölkerung immer noch sehr präsent. Das liegt auch daran, daß gerade die formale und inhaltliche Dimension der Hegewaldschen Werke in die Sehgewohnheiten der Kunstbetrachtung und die Sicht auf ethische Fragen gegenwärtigen gesellschaftlichen Lebens eingegriffen hat, sie veränderte. Das Bedürfnis nach dieser inhaltlich bestimmten Auseinandersetzung ist vorhanden, wird in Ausstellungen, bei Buchlesungen und in Briefen an Heidrun Hegewald immer wieder artikuliert.

Hegewaldsche Notate zum Kulturprozeß in der DDR sind von besonderer Bedeutung nicht nur wegen des analytischen Blicks und der originellen Form, in denen diese Beobachtungen zu Papier gebracht wurden, sondern auch, weil sie die Spezifik des in der DDR praktizierten „sozialistischen Realismus“ zu ergründen suchen und aus eigener Teilhabe beschreiben. In die Monographie fanden deshalb auch Auszüge aus eigenen Texten der Künstlerin Aufnahme, die den auch theoretischen Beitrag der Malerin und Graphikerin zur Kunstgeschichte der DDR belegen.

Weitere Argumente für das Interesse an einer solchen Monographie liefert der nicht erst in den letzten Monaten zu beobachtende Prozeß der widerspruchsreichen Reflexion der kunsthistorisch abgeschlossenen Epoche der 40 Jahre DDR, die in Ausstellungen (mit Höhepunkten in Weimar und Berlin) und Medien konträr und auch leidenschaftlich diskutiert wird. Erfreulicherweise treten in neuen und alten Bundesländern nach Pauschalverurteilung oder -würdigung der differierenden Kulturen nun auch differenzierte kulturpolitische und kunstwissenschaftliche Diskurse auf, die die Kunst in das Zentrum der Betrachtung rücken und dem gesellschaftspolitischen Kontext aus ästhetischer Perspektive verantwortungsbewußter nachgehen.

Das umfangreiche, inhaltlich konsequente Werk der Malerin, Graphikerin und Wortbildnerin Heidrun Hegewald mit ihrer bekannt realistischen Kunsthaltung wird mit dieser Monographie für zahlreiche Kunstinteressierte und Fachleute erstmals zusammenfassend dargestellt und dürfte auf ein breites Interesse und in eine seit langem bestehende Lücke im Angebot von Kunstbüchern stoßen.

Gerade gegenwärtig ist es eine herausfordernde Aufgabe, ein künstlerisches Programm wie das von Heidrun Hegewald zu präsentieren – zumal es sich von Anfang an in der Kollwitzschen Tradition als Widerspiegelung gesellschaftlicher Realität verstanden hat, auf sie einzuwirken trachtete. Dieser Prozeß wechselseitiger Angewiesenheit von Kunst(prozeß) und Publikum(saneignung) wurde von der Künstlerin auch im Dialog vor ihren Bildern erfahren und schlug sich als geistiger Reflex soziologischer Tatbestände in eigenen Texten nieder. Sie schreibt: „... das anschauliche Denken in den schöpferischen Werken ordnet, kritisiert und übersetzt Leben und weltsichtige Utopien in womöglich praktizierbare Sinn-Entwürfe. Kulturprozesse überlisten zu einer Verkehrsform zwischen Anpassung und Widerstand! Die Ostdeutschen haben eine besondere Kommunikationskultur entwickelt in Akzeptanz und Angewiesenheit dazu, daß über die Künste geistiger Einspruch kam und Auswirkungen normalerweise immer auch politisch waren. WIRKLICHKEITSUMGANG wurde dabei demokratisiert.“ (Heidrun Hegewald: Frau K. Die zwei Arten zu erbleichen, Dietz Verlag, Berlin 1993, S. 65)

Der in Wort und Bild gefaßte aufklärerische philosophische Anspruch der Künstlerin hat namhafte Kunstkritiker und Kollegen bewogen, sich an der Edition zu beteiligen und mit ihren Auffassungen, Betrachtungen, Analysen und Argumenten für eine Fortsetzung sachlicher Auseinandersetzungen unter Einbeziehung des Schaffens von Heidrun Hegewald – oder auch einfach nur für Kunstgenuß zu sorgen.

An der Monographie beteiligt sind Prof. Peter H. Feist, Dr. Peter Michel, Dr. Günter Blutke sowie Prof. Axel Bertram und der Bildhauer Rolf Biebl. Enthalten ist auch die Laudatio von Prof. Wolfgang Heise zur Verleihung des Max-Lingner-Preises an die Künstlerin. Dieser Text von 1980 erweist sich aus der Perspektive des Jahres 2004 als Betrachtung einer Epoche und ihrer Kunst.

Das Grafikdesign hat der kompetente und ausgewiesen erfolgreiche Michael de Maizière übernommen, die erstklassigen Werkfotos stammen von Bernd Kuhnert.